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Produktvision

Praxistaugliche Visionen zum Anfassen

Gute Produktvisionen sind der Grundstein für erfolgreiche Softwareprodukte – ist dies nur ein guter Werbeslogan oder steckt mehr dahinter? Die Antwort weiss Dominik Berner und zeigt, was wir vom Landmaschinenhersteller John Deere lernen können.

19.06.2019Text: bbv0 Kommentare
Produktvision
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Eine gute Produktvision ist elementar für den Erfolg bei der Entwicklung von Softwareprodukten. Eine Produktvision zu haben, die greifbar und von Ihren Entwicklern akzeptiert wird, ist eines der wichtigsten Dinge, die man haben muss, wenn Teams in einer befähigten und selbstorganisierten Weise arbeiten sollen.

Wie wichtig eine Produktvision ist, erkennt man meist daran, dass Unternehmen ohne Visionen zu kämpfen haben. Zum einen mit der Motivation der Mitarbeiter, zum anderen mit einer klaren Richtung, in die das Produkt entwickelt werden soll. Ein gemeinsames und allgemein akzeptiertes Ziel fördert die Autonomie von einzelnen Teams und Mitarbeitern.

Dies überrascht nicht, denn viele Studien belegen, dass die Sinnhaftigkeit der Arbeit einer der grössten Motivationsfaktoren in der modernen Arbeitswelt ist. Eine gute Vision ist ein starkes Mittel, um Ihren Mitarbeitenden einen solchen Sinn zu vermitteln. Wenn die Vision nicht vorhanden oder nicht greifbar genug ist, werden es Ihre Softwareentwickler sehr schwer haben, sich selbst zu motivieren, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Dieses gemeinsame Ziel ist eine wichtige Grundlage für die Erschliessung weiterer Vorteile der agilen Entwicklung, wie z.B. schnelle Entscheidungsfindung und wertorientiertes Produzieren.

Daher ist eine gute Produktvision zentral, besonders wenn selbstorganisierte Teams erfolgreich zusammenarbeiten sollen. Denn für die agile Arbeitsweise ist es wichtig, eine gemeinsame Ausrichtung aufzubauen und Autonomie zu fördern. Wenn Teams befähigt werden, autonom zu sein, ohne sich aufeinander abzustimmen, werden sie in verschiedene Richtungen laufen.

Wie sieht eine gute Produktvision aus?

Gute Visionen sind lebendig genug, um fast physisch greifbar zu werden. Das Wort «Vision» selbst kommt aus dem Lateinischen «visere», was «Sehen» bedeutet. Das beschreibt sehr gut, was der Hauptaspekt einer Vision ist. Die Menschen sollten in der Lage sein, es zu «sehen» – zumindest metaphorisch.

Als gutes Beispiel einer greifbaren Produktvision dient dieses Video der Landmaschinenfirma John Deere. Darin sehen Sie einen Landwirt, der seinen landwirtschaftlichen Betrieb von einem futuristischen interaktiven Büro aus steuert. Und wenn er sich auf den Weg aufs Feld macht, arbeitet er weiter mit seinem Handy. Vorbei sind die Zeiten, in denen man das Wetter und andere Informationen nach Bauchgefühl abgeschätzt hat und in denen die Landwirtschaft hauptsächlich von schwerer, körperlicher Arbeit geprägt war. Obwohl uns vielleicht nicht alles gefällt, was wir sehen, macht das Video eine sehr klare Aussage darüber, wohin das Unternehmen John Deere gehen will. Es wird nicht mehr nur einfach ein Hersteller von Traktoren sein, sondern ein Anbieter einer umfassenden Agrarlösung.

John Deere’s visionäres Video.

Der Weg zur Produktvision am Bespiel von John Deere

Wie ist John Deere vorgegangen, um ihre Produktvision zu erarbeiten? Im ersten Schritt klang es vielleicht so: «Wir wollen einen Traktor bauen, der vollautomatisch und an die Cloud angebunden ist, damit die Landwirtschaft zu einem datengesteuerten Betrieb wird». Das ist zwar im Wesentlichen das, was im Video gezeigt wird, aber es ist noch nicht gut genug.

Im zweiten Schritt wurde daraus  eine «Erzählung» wie «Mit unserer Anbaulösung steht der Landwirt morgens auf, überprüft das Wetter, den Bewässerungsstatus und andere relevante Informationen in seinem intelligenten Büro und leitet von dort aus seine Traktoren zu der Arbeit, die am besten für die Bedürfnisse des Tages geeignet ist». Das wäre bereits eine greifbare, wenn auch minimale Vision.

Doch John Deere ging noch einen Schritt weiter. John Deere fokussierte sich mit ihrer Vision nicht mehr auf das Produkt, sondern auf den Benutzer und stellten ihn und sein Problem in den Mittelpunkt der Vision. Dabei wechselten sie den Inhalt der Vision von «was wollen wir bauen» (einen vollautomatischen Traktor, der mit der Cloud verbunden ist), auf «Welches Problem lösen wir» . Nämlich: «den Landwirten zu helfen, die Informationen in ihrer sehr komplexen Umgebung besser zu verarbeiten, um bessere Entscheidungen zu treffen und bessere Erträge zu erzielen.»

Mit dieser Vision verändert John Deere ihren Blickwinkel auf das, was sie als Produkt definieren. Es ist nicht mehr nur ein ausgefallener Traktor, sondern eine Komplettlösung von der Informationsverarbeitung bis hin zum autonomen Traktor und verschiedenen Geräten auf dem Feld. Eine gute Vision bestimmt die Gestaltung und Definition des Produkts, nicht umgekehrt. Die Vision wird noch kraftvoller, indem sie das Unterschwellige hervorhebt und sich auf die Dinge hinter dem unmittelbaren Horizont konzentriert. Bei «John Deere» an Traktoren zu denken, ist naheliegend. «John Deere» als Datenanbieter zu betrachten, ist nicht so. Das Offensichtliche ist oft nur eine ausgefallene Art, «wir sind hier» zu sagen, während das Unterschwellige eine Aussage über «wir wollen dorthin gehen» ist.

Verpflichten Sie sich Ihrer Vision und teilen Sie diese

Der wichtigste Punkt bei der Umsetzung einer Vision ist, sich selbst dazu zu verpflichten. Eine der einfachsten Möglichkeiten, dieses Engagement zu signalisieren, ist es, die Vision öffentlich sichtbar zu machen. Dies kann intern und extern geschehen, ob mit Zeichnungen oder Youtube-Videos, die Bandbreite für die Gestaltung ist gross.

Unabhängig von den gewählten Kommunikationsmitteln ist das Buy-In der Mitarbeitenden wichtig. Ihre Akzeptanz dient auch als gutes Mass für die Qualität der Vision. Wenn Sie es schwierig finden, Ihre Softwareentwickler, dazu zu bringen, sich einer Vision zu verpflichten, könnte es notwendig sein, diese zu überarbeiten. Denn jedes entwickeltes Feature sollte an die Vision gebunden sein. Wenn es den Softwareentwicklern schwer fällt, darauf hinzuarbeiten, nehmen Sie das als weiteren Hinweis, dass die Vision mehr Arbeit benötigt.

Checkliste für Ihre Produktvision

Keine Vision ist auf Anhieb richtig, also seien Sie beharrlich dabei, sie zu verbessern. Eine Vision zu finden ist harte Arbeit und erfordert ein ernsthaftes Nachdenken.

Gute Produktvisionen sind in ihrer Kernaussage stabil und sind auch leicht zu verfeinern. Das Hinzufügen von Details und das Entfernen des Offensichtlichen im Laufe der Zeit ist ein Zeichen für das Wachstum einer Produktvision.

Als grobe Checkliste für Ihre Produktvision beantworten Sie diese Fragen:

  • Ist die Produktvision greifbar? Schafft sie ein mentales Bild?
  • Hebt sie das Nichtoffensichtliche hervor?
  • Geht es um das Problem des Benutzers?
  • Kann die Vision weiterentwickelt werden, ohne dabei auseinanderzufallen?
  • Sind Sie entschlossen, darauf hinzuarbeiten? Können Sie täglich darauf hinarbeiten?

Können Sie die Fragen mit einem eindeutigen «Ja» beantworten? Gut! Dann viel Erfolg. Wenn nicht, keine Sorge. Dann überarbeiten Sie Ihre Vision, fügen Sie das hinzu, was fehlt, und entfernen Sie jenes, das offensichtlich oder überflüssig ist. Der Weg zu einer guten Vision ist lang. Aber er lohnt sich.

 

Der Originaltext (in Englisch): http://dominikberner.ch/a-good-product-vision/

Der Autor

Dominik Berner

Dominik Berner ist Software-Ingenieur bei bbv. Dank seines Know-hows im MedTech-Bereich kennt er die Wachstumsgrenzen von Startups und Kleinunternehmen, aber auch die Verhältnisse in Grossfirmen. Als Agilist betrachtet Berner Softwareentwicklung als Teamsport, der eine starke Unternehmenskultur erfordert.

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